Aktuelle Forschungsprojekte

Drittmittelprojekte

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert ein dreijähriges Forschungsprojekt von Prof. Isolde Karle zu „Nächste Hilfe am Bahnhof: eine praktisch-theologischer Untersuchung der Bahnhofsmission"

Die Arbeit der Bahnhofsmission wurde bislang praktisch-theologisch kaum erforscht. Diese Forschungslücke wird das Forschungsprojekt schließen. Es geht darum, die Vielfalt der Arbeit der Bahnhofsmissionen als „nächste Hilfe am Bahnhof“ zu analysieren, zu typisieren und zu reflektieren. Die Untersuchung wird sowohl texthermeneutisch als auch empirisch vorgehen. Durch ein Literaturstudium soll ein möglichst differenziertes Bild von der Arbeit der Bahnhofsmission gewonnen werden. In einer darauf aufbauenden qualitativ-empirischen Studie sollen leitfadengestützte Experteninterviews, eine teilnehmende Beobachtung und eine Sozialraumanalyse an vier ausgewählten Bahnhöfen (Köln, Stuttgart, Halle, Osnabrück) durchgeführt werden, um vertiefte Einsichten in die Chancen und Herausforderungen dieses komplexen Praxisfelds zu erhalten. Ziel ist die wissenschaftliche Erschließung eines neuen Feldes kirchlichen Handelns. Darüber hinaus sind grundsätzliche Impulse für die Verschränkung von diakoniewissenschaftlichen, poimenischen, und kirchentheoretischen Perspektiven zu erwarten. Besonders interessiert dabei, inwiefern die Bahnhofsmission paradigmatischen Charakter für die Kirche in der Moderne hat und zwar sowohl im Hinblick auf den Öffentlichkeitsaspekt kirchlicher Praxis als auch in Bezug auf ihre kooperative Vernetzung.

Projektbeginn ist der 1. Oktober 2019.


Fasten – religiös-spirituelle Praxis als Lebenshilfe

Modernisierungsprozesse und gesellschaftliche Umwälzung haben das Fasten als christliche Frömmigkeitspraxis zunehmend marginalisiert und erklärungsbedürftig werden lassen. Zugleich ist in der Gegenwart eine Wiederentdeckung und Transformation des Fastens festzustellen. Zur ursprünglichen Bedeutung des Fastens sind zahlreiche weitere Fastenformen hinzugetreten. Das Forschungsvorhaben hat zum Ziel, diese Transformation der christlichen Fastenpraxis im Anschluss an die Fastenaktion der EKD und des Vereins "Andere Zeiten e.V." sowohl hermeneutisch-reflexiv, als auch qualitativ-empirisch zu untersuchen, um zu erforschen, worin das Potenzial des Fastens für die Menschen heute liegt. Dieses Projekt wird großzügig gefördert durch den Verein "Andere Zeiten e. V." und wird durchgeführt von Antonia Rumpf.


Seelsorge in der Bundeswehr: Theorie der Militärseelsorge

Die Bundeswehr unterliegt seit gut zwei Jahrzenten einem weitreichenden Transformationsprozess. Von einer strikten Verteidigungsarmee, die zum Großteil durch Wehrdienstpflichtige getragen wurde, hat sie sich zu einer international intervenierenden Einsatzarmee gewandelt, die seit 2001 auch Frauen in allen Verwendungszwecken zulässt und seit 2011 ausschließlich auf freiwillig gemeldete Soldaten und Soldatinnen zurückgreifen kann. Diese fundamentalen Veränderungen stellen nicht nur eine große Herausforderung für die Soldaten, Soldatinnen und deren Familien dar, sondern auch für die Militärseelsorge, die sich auf die veränderten Rahmenbedingungen konzeptionell und personell einstellen muss. Am Institut für Religion und Gesellschaft interessiert uns speziell der poimenische Aspekt der Militärseelsorgearbeit. Welchen Fragen muss sich Seelsorge an diesem besonderen Ort stellen? Wie versteht sich Seelsorge im Spannungsfeld von Bundeswehr und Kirche einerseits und Bundeswehr und Gesellschaft andererseits? Wie vollzieht sich Seelsorge in der Bundeswehr? Welche besonderen Herausforderungen sehen sich Militärseelsorgerinnen und -seelsorger gegenüber?
Im Zusammenhang mit diesem Projekt engagiert sich Isolde Karle zusammen mit Niklas Peuckmann in der ThEA (Theologisch-Ethische Arbeitsgemeinschaft) des Evangelischen Kirchenamtes der Bundeswehr in Berlin. Das Projekt wird großzügig durch die EKD gefördert. Das Projekt wird durchgeführt von Niklas Peuckmann.


Transformationen im Pfarrberuf

Der Pfarrberuf nimmt eine Schlüsselrolle für die evangelische Kirche ein. Ausführlich hat sich Prof. Isolde Karle mit dem Pfarrberuf als Profession befasst. Einschlägig ist dazu ihre Monographie "Der Pfarrberuf als Profession. Eine Berufstheorie im Kontext der modernen Gesellschaft".
Gegenwärtig ist zu beobachten, dass der Pfarrberuf zunehmend durch Pluralisierungs-, Individualisierungs- und Säkularisierungsprozesse unter Druck gerät und gesamtgesellschaftlich an Bedeutung verliert. Darüber hinaus haben sich die strukturellen Rahmenbedingungen für das pfarramtliche Handeln durch Einsparungen der Landeskirchen verschlechtert. Anhand einer qualitativ-empirischen Studie soll deshalb ermittelt werden, inwieweit sich der Pfarrberuf derzeit hinsichtlich der Verschiebungen in den Aufgaben- und Tätigkeits-bereichen, des Verhältnisses von Person und Amt, der Veränderung in der psychischen Belastung und des Spannungsfeldes von Resonanz- und Auftragsorientierung verändert und wie die Pfarrerinnen und Pfarrer damit subjektiv umgehen. Das Projekt wird großzügig gefördert durch die EKD, durch die Evangelische Kirche von Westfalen, die Evangelische Landeskirche in Württemberg und die Evangelische Kirche im Rheinland. Das Projekt wird durchgeführt von Verena Kroll.


Institutsforschung

Sexualität, Lebensformen, Ehe, Familie

Sexualität, Ehe und Familie sind aus Sicht der reformatorischen Theologie zentrale Ausdrucksformen menschlichen Lebens, die grundlegend sind für unsere Kultur, sich aber in ihrer konkreten Gestaltung keineswegs von selbst verstehen. So zeichnen sich in den letzten Jahrzehnten erhebliche Veränderungsprozesse auf diesem Feld ab. Zugleich scheinen Paarbeziehungen und Familie als Wertmuster kaum etwas von ihrer Relevanz eingebüßt zu haben. Neben einer soziologisch differenzierten Erforschung der Situation ist es elementar, die Diversität von Ehe und Familie historisch zu untersuchen und dabei auch die sozialethischen und theologischen Deutungen von Ehe und Familie präziser zu erfassen als das bislang der Fall ist. Praktisch-theologisch interessiert nicht zuletzt der Orientierungsgewinn für die kirchliche Praxis in Seelsorge und Unterricht. Dass es dafür einen Bedarf gibt, ist u. a. an den Irritationen und Verunsicherungen erkennbar, die die EKD-Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ (2013) auslöste. Die Monographien von Isolde Karle „Da ist nicht mehr Mann noch Frau“ und „Liebe in der Moderne“ widmen sich diesen Fragen, die weiter vertieft werden sollen.


Religion und Gesellschaft

Das Institut führt regelmäßig Symposien und Workshops durch, die sich der interdisziplinären Erforschung des Verhältnisses von Religion und Gesellschaft widmen. Aus praktisch-theologischer Perspektive interessiert insbesondere, wie sich die Kirche auf die Individualisierung und Pluralisierung von Religion einstellen kann und ob und in welcher Hinsicht von einer Säkularisierung der Gesellschaft oder auch von einem neuen Interesse an Religion („Religionsboom“) gesprochen werden kann. Inwiefern befähigt Religion Menschen dazu, sich kontingenzsensibel für Pluralität und Fremdheit zu öffnen? Wie kann der Glaube Kontingenz zulassen und zugleich bearbeiten? Wie kann sich die Kirche öffnen für Formen und Tendenzen frei vagabundierender Religiosität, ohne ihre eigene Signatur zu verlieren? Wie kann das explizit Christliche in Wechselwirkung mit den in Zwischenräumen angesiedelten Formen implizit christlicher Praxis und Kommunikation bewahrt und fortentwickelt werden? Nicht zuletzt stellt sich im Hinblick auf den Öffentlichkeitsauftrag der Kirche die Frage, wie sich Kirche auf politische Entwicklungen in einer pluralistischen Gesellschaft beziehen kann, ohne lediglich als Moralagentur der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Wir laden regelmäßig international ausgewiesene Forscherinnen und Forscher, aber auch Führungspersonen aus der Praxis ein, um über diese Fragen ins Gespräch zu kommen und weiterführende Perspektiven zu entwickeln.


Körperlichkeit

Der Körper erfährt in der spätmodernen Gesellschaft zunehmend an Aufmerksamkeit („body turn“). Dabei geht es einerseits um ein intensives Körpererleben angesichts vielfältiger Identitätsverunsicherung und andererseits um eine Optimierung des Körpers, die den Körper gesünder, schöner, „normaler“ im Sinne von normgerechter machen soll. Die Theologie hat bislang kaum auf diese gesellschaftlichen Veränderungsprozesse reagiert. Nach wie vor ist der Körper und sind Körpernormen ein marginalisiertes Thema der Praktischen Theologie. Dabei ist es für die Seelsorge, aber auch für Bildungsprozesse und nicht zuletzt für das Predigen über lebensweltliche Probleme und Gefühle elementar, diese Fragen moderner Lebensführung soziologisch sensibel und praktisch-theologisch angemessen zu reflektieren und Strategien des Umgangs damit zu entwickeln. Es gilt, die Ambivalenz der Praktiken und Strategien, die sich mit dem Leiden und Arbeiten am Körper verbinden, differenziert zu betrachten, ihre tiefe existentielle Verankerung in (Gender-)Identitäten und Gefühlen wahrzunehmen und entsprechend sowohl kritisch als auch würdigend mit ihnen umzugehen. Isolde Karle hat zu diesem Thema bereits mehrere Studien vorgelegt und wird dieses Thema in Forschungsaufenthalten an der Universität Basel und an der Emory University in Atlanta im Jahr 2018 vertiefen.


Altruismus

Kommen Menschen egoistisch zur Welt und werden sie erst durch Erziehung, Kultur und Religion mühsam für die Bedürfnisse anderer sensibilisiert? Es mehren sich in den letzten Jahrzehnten Stimmen, die die Vorstellung, dass der Egoismus entscheidende Grundmotivation für das menschliche Handeln sei, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in Frage stellen. Wir gehen dieser Spur im interdisziplinären Gespräch nach und haben dazu eine Forschergruppe an der Ruhr-Universität gebildet (mit den Proff. Traugott Jähnichen, Norbert Ricken, Thomas Söding und Jürgen Straub). Mehrere Symposien zum Thema haben wir bereits durchgeführt. Das letzte Symposion (2017) befasste sich mit der Frage: Warum helfen Menschen? Dabei zeigte sich, dass die Liebe zum Nächsten keine Selbstverneinung bedeuten muss, sondern als Erweiterung des eigenen Selbst, das sich mit anderen grundlegend verbunden weiß, und als heilsamer Resonanzraum erfahren werden kann. Die konkreten Bedingungen für ein solches, nicht selbstzerstörerisches Engagement für den Nächsten sind in Kontexten ehrenamtlichen Helfens, aber auch in Beziehungen im Privatheitssystem genauer zu untersuchen und zu beschreiben. Isolde Karle wird diese Fragen in ihren Forschungsaufenthalten in Basel und Atlanta im Jahr 2018 weiter vertiefen.


Lehrwerk Praktische Theologie

In ihrem Forschungsjahr ab Februar 2018 bis März 2019 wird Isolde Karle ein Lehrbuch schreiben, das in einer Reihe der Evangelischen Verlagsanstalt im Jahr 2020 veröffentlicht werden soll. Dabei werden alle Subdisziplinen der Praktischen Theologie bearbeitet, nur nicht die Religions- und Gemeindepädagogik, der ein eigener Band gewidmet werden soll.

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Dissertationsprojekte

Inga Kreusch: Rezeption amerikanischer Rhetorik und Homiletik für die deutschsprachige Predigtlehre

Als Grundlagenwissenschaft ist die Rhetorik im nordamerikanischen Raum grundlegender und weitreichender verbreitet als dies in Deutschland der Fall ist. Hier ist auf Grund des Missbrauchs rhetorischer Mittel im Nationalsozialismus und die Ablehnung jeglicher Rhetorik auf der Kanzel durch die Dialektische Theologie ein sehr ambivalentes Verhältnis von Homiletik und Rhetorik festzustellen. In Nordamerika hingegen zeigt sich, dass das weitreichendere Wissen um die Bedeutung von Rhetorik und das Erlernen entsprechender rhetorischer Kompetenzen im nordamerikanischen Raum auch die dortigen homiletischen Entwürfe und nicht zuletzt auch die Predigten prägt. Diese sollen daher auf ihre Rhetorik hin analysiert und die Ergebnisse für die deutschsprachige Predigttheorie und -lehre diskutiert werden.

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Promotionsschwerpunkt: Dimensionen der Sorge

Informationen zum Promotionsschwerpunkt

Das Evangelische Studienwerk e.V. Villigst hat im Herbst 2013 einen neuen interdisziplinären Forschungsschwerpunkt mit dem Titel „Dimensionen der Sorge“ eingerichtet. Neben der Lehrstuhlinhaberin führen die Professoren Micha Werner (Philosophie, Universität Greifswald), Anna Henkel (Soziologie, Universität Lüneburg) und Gesa Lindemann (Soziologie, Universität Oldenburg) den Forschungsschwerpunkt in interdisziplinärer Kooperation durch. Das Projektteam hat am 1. Juni 2014 seine Arbeit aufgenommen.
Für weitere Informationen zum Promotionsschwerpunkt wenden Sie sich an Isolde Karle oder klicken Sie hier.
Jedem betreuenden Professor/jeder Professorin sind jeweils fünf Stipendien für jeweils zwei Jahre in dem insgesamt fünf Jahre laufenden Forschungsprojekt zugeordnet. Personen, die zum Thema ‚Sorge‘ promovieren möchten, sind eingeladen, sich mit den üblichen Bewerbungsunterlagen um ein Promotionsstipendium in Villigst zu bewerben. Sollten Sie Interesse daran haben, wenden Sie sich bitte an Isolde Karle.

Vom 21.-22. September 2017 hat die 3. Jahrestagung in Villigst stattgefunden. Sie stand unter dem Thema "Sorget nicht - Kritik der Sorge". Ein Programm finden Sie hier.

Vom 13.-14. September 2018 hat die 4. Jahrestagung in Villigst stattgefunden. Sie stand unter dem Thema "Grenzen der Sorge". Ein Programm finden Sie hier.

Die 5. Jahrestagung wird vom 19. bis 20. September 2019 in Villigst stattfinden. Sie steht unter dem Thema "Sorge und Sorgefreiheit: Grenzen, Atmosphären, Rahmenbedingungen". Ein Programm finden Sie hier.


Elis Eichener: Sorge um die Seele. Zur Wiedergewinnung des Seelenbegriffs in der Seelsorge

Für viele Menschen ist die Seelenvorstellung tröstlich, insbesondere im Kontext von Sterben und Tod. Doch wurde der Seelenbegriff in der wissenschaftlichen Theologie vor allem im 20. Jahrhundert scharf kritisiert. Dies hatte problematische Konsequenzen für die Praxis der Seelsorge. Wird die Seelenvorstellung, beispielsweise in der Trauerbegleitung, als theologisch falsch eingeschätzt, führt dies in der Seelsorge zu mangelnder Anschlussfähigkeit und begrenzter Empathie- und Sprachfähigkeit.
Ausgehend von diesem Befund möchte das Dissertationsprojekt den Seelenbegriff unter den zeitgenössischen geistesgeschichtlichen Bedingungen reformulieren. Dabei spielen neben praktisch-theologischen auch exegetische, philosophische und systematisch-theologische Herangehensweisen eine Rolle. Die Ausgangsthese der Untersuchung ist dabei, dass die Verabschiedung des Seelenbegriffs nicht nur in seelsorgerlicher, sondern auch theologischer Hinsicht zu hinterfragen ist. Zugleich werden Pfarrerinnen und Pfarrer mit einem neu plausibilisierten Seelenbegriff dazu ermutigt, in ihrer Sorge um die Seele die Rede von der Seele zu würdigen und an sie anzuknüpfen.


Franziska Schade: Religiöse Selbstsorge von Jugendlichen. Die religiösen Bedürfnisse Heranwachsender im Kontext jugendkirchlicher Arbeit

Im Jugendalter befindet sich der Mensch mit seiner Entwicklung in einer Suchbewegung. Lebenskonzepte werden ausprobiert und solange wieder verworfen, bis ein passendes Konzept gefunden ist. Das gilt auch für die religiöse Entwicklung.
Ziel des Forschungsprojektes ist es, zu untersuchen, welche Angebote und Strukturen Jugendliche für sich während der Ausübung und Entwicklung ihres Glaubens wünschen und aufsuchen. Gleichzeitig ist dabei zu fragen, ob die Jugendlichen die Angebote tatsächlich aufsuchen, weil es explizit religiöse Angebote sind oder ob dort nicht andere Motivationen ausschlaggebend sind.
Methodisch sollen mittels qualitativer Interviews solche Jugendlichen interviewt werden, die sich in Jugendkirchen engagieren oder deren Angebote wahrnehmen. Jugendkirchen stellen eine spezielle Form kirchlicher Jugendarbeit dar und bieten durch ihre Angebotsstrukturen vielfältige Anknüpfungspunkte für die Jugendlichen. Vor dem Hintergrund der Feststellung, dass Jugendliche sich von den traditionellen Angeboten der Kirche in der Regel nicht angesprochen fühlen, soll erörtert werden, inwieweit die spezielle Form der Jugendkirchen einer religiösen Sorge um Jugendliche nachkommt, inwiefern sie ihnen einen Raum bieten, in dem sie ihre eigene Religiosität ausdrücken, entwickeln und leben können.


Jonas vom Stein: In Sorge um Gesellschaft, Kirche und Amt. Evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer in den Transformationsprozessen der langen 1960er Jahre

Evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer üben eine sorgende Profession aus. Das Bild des Hirten, der sich um seine Herde sorgt, ist in seiner lateinischen Übersetzung „Pastor“ zur gängigen Berufsbezeichnung geworden. Durch ihre sorgende Tätigkeit entwickeln Pfarrerinnen und Pfarrer eine spezifische Sensibilität für all jene, die der Sorge bedürfen. Aus der „Sorge für“ wird die „Sorge um“. Sorge ist daher in zweierlei Hinsicht für den Pfarrberuf maßgeblich: als zentrale Handlungsmotivation der „Sorge für“ und als Faktor der Gegenwartswahrnehmung in der „Sorge um“.
Die Dissertation untersucht diese Aspekte der Sorge für den Pfarrberuf anhand einer zeitgeschichtlichen Studie. Als Rahmen dienen die gesellschaftlichen und religiösen Transformationsprozesse der langen 1960er Jahre. Um herauszufinden, wie Pfarrerinnen und Pfarrer auf diese Transformationsprozesse reagierten, werden publizistische Zeugnisse von Pfarrinnen und Pfarrer untersucht mit dem Ziel, deren Handlungsmotivationen und Gegenwartswahrnehmungen herauszuarbeiten.


Nicole Kirschbaum: Carol Gilligans Ethics of Care. Perspektiven für die Religionspädagogik

Gilligan kritisiert zunächst klassische strukturgenetische Entwicklungspsychologien. Ihr fällt auf, dass Frauen in Kohlbergs Stufenmodell zum moralischen Urteil (Gerechtigkeitsdenken) niedriger eingestuft werden als Männer und dass die Arbeiten von Piaget und Kohlberg trotz rein männlicher Stichproben Universalitätsanspruch erheben. Im Anschluss an diese Beobachtung entwickelt sie als zweite Perspektive für moralische Urteile die Ethics of Care. Bei der Gerechtigkeitsperspektive orientiert man sich primär an festgeschriebenen Gesetzen und Normen. Bei moralischen Entscheidungen aus der Perspektive der Ethics of Care kommt es auf die Beziehung zu den Mitmenschen an. Ein Urteil ist kontextgebunden. Sowohl Anteilnahme als auch Verantwortlichkeit im sozialen Beziehungsgeflecht stehen im Fokus. Gilligan postuliert eine Pluralität in der menschlichen Kognition und zeigt, dass die universalistische Perspektive Kohlbergs zu relativieren ist.
Eine kritische Rezeption der Ethics of Care (Stärken und Schwächen) kann wichtige Impulse für die Religionspädagogik vermitteln. Worin liegen die Unterschiede zu einer strukturgenetischen kognitivistischen Entwicklungspsychologie? Wie können die beiden Perspektiven Gerechtigkeit und Care im Religionsunterricht im Umgang mit biblischen Texten, ethischen Konflikten und persönlichen Identitätsfragen der Schülerinnen und Schüler fruchtbar gemacht werden?


Habilitationsprojekte

Dr. Katja Dubiski: Spiritualität

Die Rede von Spiritualität ist in aller Munde, die Zahl der Veröffentlichungen zum Thema steigt seit Jahren. Zugleich wird der Begriff „Spiritualität“ in den unterschiedlichen Disziplinen sehr unterschiedlich verstanden und verwendet. Das gilt auch und insbesondere für die theologische und die psychologische Forschung. Das Forschungsprojekt zielt darauf, Begriffsverwendungen zu systematisieren sowie anhand dessen Möglichkeiten und Grenzen des inter- und transdisziplinären Dialogs im Blick auf Spiritualität aufzuzeigen.

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Dr. Jula Well: Flucht nach Deutschland. Politische Predigt zwischen Willkommenskultur und Anti-Asyl-Protest

In der Zeit der sogenannten Flüchtlingskrise wird in Deutschland kontrovers diskutiert, wie mit den ankommenden Flüchtlingen umgegangen werden sollte. Spontane Hilfsbereitschaft und Anti Asyl Proteste stehen einander oppositionell gegenüber. Die einen erleben den Sommer 2015 als „humanitäres Sommermärchen“ (T. Bendikowski), die anderen interpretieren die Ereignisse als Ausverkauf nationaler Identität und Integrität. Die politische Lage fordert auch die Kirchen heraus, denn Nächstenliebe kennt keine Obergrenze, oder?

Das Habilitationsprojekt untersucht aus ideologie-kritischer Perspektive (I. Meinhard), wie Predigerinnen und Prediger die politische Lage deuten und wie sie dementsprechend predigen. Wie reagieren Predigerinnen und Prediger auf den Rechtspopulismus? Gelingt es ihnen, angesichts der politischen Lage, die auch manche Gemeinde spaltet, das Gespräch mit allen Hörerinnen und Hörern zu führen? Welche Ideale und Selbstbilder werden gezeichnet und wie werden dabei »die Anderen« sprachlich präsentiert? Untersucht wird, wie es in einer pluralistischen Gesellschaft gelingt, eine profilierte Haltung zu kommunizieren, ohne andere zu diffamieren.

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